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​Rio und das Schmerzgedächtnis – eine Atlasblockade, die gar keine ist?

​Rio und das Schmerzgedächtnis – eine Atlasblockade, die gar keine ist?

„Kannst du dir mal unsere Renvers-Pirouette anschauen? Die gelingt Rio und mir nicht so richtig,“ fragte Jenny gestern und heute sitze ich auf unserem Aufsteigebrett in der Halle und versuche herauszufinden, was eigentlich Rios Problem ist. Rio ist ein 8-jähriges Englisches Vollblut von der Rennbahn, dick bepackt mit Muskeln und der Prototyp einen idealen Reitpferdes. In der Aufwärmarbeit mit dem Kappzaum geht er taktrein in Dehnungshaltung, die Hinterhufe folgen genau den Spuren der Vorderhufe auch in den Volten. Auf beiden Händen biegt er sich relativ wenig, das ist aber auch das einzig auffällige.
Den Kopf trägt er ziemlich tief, was eine Eigenart von ihm zu sein scheint, da sein Bewegungsmuster keine Wirbelblockaden, Hinterhandprobleme oder andere körperliche Ursachen vermuten lässt. Genau deshalb soll er die Renvers-Pirouette lernen. Diese Lektion stärkt die Bauchmuskulatur, hebt damit den Widerrist an und verlegt den Schwerpunkt des Pferdes nach hinten. Sogar überbaute Pferde kann man damit in gewissem Grade ausgleichen. Klappt die Renvers-Pirouette, lässt sich aus ihr mit Leichtigkeit Travers, Renvers und Traversale entwickeln.
Als Vorbedingung muss sich das Pferd ganz leicht im Stand biegen lassen. Dabei müssen beide Ohren auf einer Höhe bleiben. Sinkt eines ab, bedeutet das ein Verwerfen im Genick, d.h. der erste Halswirbel, der Atlas, verkantet sich. Das tut keinem Pferd gut und muss im Training unbedingt vermieden werden.
Zurück zu Rio: da mir seine Biegung in der Bewegung als Basis für die Renvers-Pirouette nicht ganz gefällt versuche ich, ihn im Stand zu biegen. Ergebnis: Rio spannt alle Halsmuskeln an, die er hat und sagt „ich kann das nicht“. Aber warum bloß nicht? Jenny hat ihn am Tag zuvor auch am Genick massiert, alles war weich und er war nicht empfindlich. Auch heute ist alles weich, keine Stresspunkte sind aktiv.
Ich versuche ihn mehrmals, auf beiden Seiten, zu biegen. Null Erfolg! Als letzte Möglichkeit, nachdem alle Tricks vergeblich waren, lege ich seinen Kopf auf meine Schulter und nehme seine Ganaschen in beide Hände. Mit minimalen Druckimpulsen bitte ich ihn, sich nur 1cm weit nach links zu biegen. Mit der anderen Hand helfe ich ihm, sich nicht im Genick zu verwerfen. Und er tut es! Genau im Moment der Bewegung clicke ich und belohne ihn sofort. Und dann klappen 2cm, 5cm und innerhalb weniger Minuten dreht er seinen Kopf mit exakt gleich hohen Ohren locker und geschmeidig um 90 Grad in beide Richtungen. Und er ist so stolz, dass es klappt! Nun soll er „darüber schlafen“ und das neu erlebte verarbeiten. Jenny nimmt den Kappzaum ab und Rio darf sich noch wälzen. Wir stehen neben ihm und ich erkläre noch, worauf Jenny die nächsten Male beim Training achten soll, bevor sie sich wieder mit der Pirouette beschäftigt. Währenddessen steht Rio neben uns und dreht immer wieder seinen Kopf mit perfekt gleich hohen Ohren nach links und rechts. Als wir endlich bemerken, was er da tut, freuen wir uns natürlich mit ihm und er bekommt noch ein paar Clicks und Belohnungen, immer wenn er uns zeigt, wie toll er das jetzt kann.

Fazit: dieses Pferd hatte kein akutes körperliches Problem als Ursache für Schwierigkeiten im Training, sondern das Problem lag im Kopf. Vielleicht hat er sich mal im Genick verletzt und hatte über längere Zeit Schmerzen und sich deshalb eine ungünstige Art von Bewegung angewöhnt. In so einem Fall verhindert das sogenannte Schmerzgedächtnis, dass ein Tier oder Mensch zu seiner ursprünglichen natürlichen Bewegungsweise zurück findet. Beherrscht man das Clickertraining, also die Technik, im genau richtigen Moment zu clicken und so dem Pferd exakt zu sagen, was es tun soll, kann man solche negativen Verhaltensmuster löschen und durch neue, positive ersetzen.
Näheres zum Clickertraining gibt es (hoffentlich) bald in einem anderen Artikel. Oder ihr googelt einfach z.B. die Tierakademie Scheuerhof.

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